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Was ist Morbus
Bechterew?
Es handelt sich um eine chronische
entzündlich-rheumatische Erkrankung, die vorwiegend die Wirbelsäule
befällt. Wie die
wissenschaftliche Bezeichnung Spondylitis
ankylosans
oder auch ankylopoetica (d. h. mit Versteifung einhergehend) signalisiert,
können die
entzündlichen Vorgange an der Wirbelsäule zu Verfestigungen,
Bewegungseinschränkungen
und zur Fehlstellung führen. Die im deutschen Sprachraum übliche
Bezeichnung als Morbus
Bechterew ist zurückzuführen auf den angeblichen Erstbeschreiber, den
russischen Arzt
Vladimir Bechterew (1857-1927).
Krankheitsverlauf
Ein Erkrankungsbeginn ist praktisch
in jedem Alter
möglich, jedoch weitaus am häufigsten im 2. und 3. Lebensjahrzehnt.
Typisch ist der
Beginn mit größtenteils belastungsunabhängigen, d. h. auch in Ruhe
auftretenden
Schmerzen im unteren Lendenwirbelsäulenabschnitt sowie den
Kreuzdarmbeingelenken, meist
in die Oberschenkel und Hüftregion ausstrahlend, die als frühmorgendlicher
Nachtschmerz
den Betroffenen aufwecken, ihn zum Aufstehen und Umhergehen veranlassen
und sich hierunter
bessern. Der weitere Verlauf kann sehr unterschiedlich sein. Bei
Fortschreiten der
Erkrankung treten Schmerzen dann meist aufsteigend in höheren
Lendenwirbelsäulen-,
Brustwirbelsäulen- und auch Halswirbelsäulenabschnitten auf. Typisch ist
auch ein
Schmerz beim Husten und Niesen sowie bei Erschütterung mit teils
gürtelförmiger
Ausstrahlung, evtl. auch druckschmerzhafte Schwellungen im Bereich der
Verbindungen der
Rippen und des Schlüsselbeins mit dem Brustbein. Bei einigen Patienten
kann es auch zu
meist nur vorübergehenden Entzündungen im Bereich von mittelgroßen und
großen Gelenken
(Schulter-, Ellenbogen-, Knie- und Sprunggelenke, Hüftgelenke), extrem
selten von Hand-,
Finger- und Zehengelenken kommen. Bekannt sind weiterhin Entzündungen von
Sehnenansätzen
wie z. B. im Bereich der Achillessehne (Fersenschmerz) sowie Entzündungen
der
Regenbogenhaut am Auge bei etwa 30% der Patienten (Iritis oder
Iridozyklitis).
Gelegentlich ist die Bechterew'sche Erkrankung kombiniert mit chronisch
entzündlichen
Darmerkrankungen.
Prinzipiell handelt es sich um eine chronische, d.h. über Jahre und
Jahrzehnte
verlaufende Erkrankung. Bei einigen Patienten kann jedoch bereits im
frühen Stadium
spontan ein Stillstand eintreten ohne wesentliche Beeinträchtigungen zu
hinterlassen. In
anderen Fallen verläuft die Erkrankung schubartig mit Phasen vermehrter
Schmerz- und
Entzündungsaktivität, die von weitgehend beschwerdefreien Intervallen
unterbrochen
werden, bei anderen Patienten wiederum eher kontinuierlich. Ein
Krankheitsstillstand kann
in jeder Phase der Erkrankung spontan eintreten. Charakteristischerweise
besteht die
Tendenz, daß sich die von der Entzündung befallenen Bereiche der
Wirbelsäule
verfestigen und nachfolgend verknöchern. Diese knöcherne Durchbauung ist
dann meist mit
einem Rückgang der Schmerzintensität verbunden. Gelegentlich kommt es auch
zu
Entzündungen im Raum zwischen einzelnen Wirbelkörpern, der von der
Bandscheibe
ausgefüllt ist (sogenannte
Spondylodiszitis)
Aus diesen verfestigenden Vorgängen resultiert die im Spätstadium nicht
mehr
rückgängig zu machende Bewegungseinschränkung. Durch entsprechende
Behandlung kann eine
solche Entwicklung aber oft verhindert oder zumindest aufgehalten werden.
Bei vielen
Betroffenen kommt es erfreulicherweise auch nach jahrelangem Verlauf zu
keiner erkennbaren
Bewegungseinschränkung, Fehlstellung oder gar Funktionsbehinderung. Wie
bei anderen
entzündlich-rheumatischen Erkrankungen kann jedoch eine mehr oder weniger
ausgeprägte
Störung des Allgemeinbefindens und der Leistungsfähigkeit die
entzündlichen Phasen der
Erkrankung begleiten. Die meisten Morbus BechterewBetroffenen können
ihren Beruf
bis zum Erreichen des normalen Rentenalters ausüben, eine vorzeitige
Berentung ist nur in
Ausnahmefällen bei sehr schwerem Verlauf zu befürchten. Bei sehr
ungünstigen Berufen
muß evtl. frühzeitig an eine Umschulung gedacht werden. Die
durchschnittliche
Lebenserwartung unterscheidet sich statistisch praktisch nicht von der der
Gesamtbevölkerung.
Ursachen und
Häufigkeit
Die genauere Ursache des Morbus Bechterew
ist bislang nicht
in allen Einzelheiten bekannt. Wie bei anderen entzündlichen Erkrankungen
muß jedoch
eine Störung des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem) angenommen
werden, bei der
sich Antikörper gegen körpereigenes Gewebe bilden und hierdurch die
Entzündungsreaktion
hervorrufen. Das gehäufte Vorkommen dieser Erkrankung in einzelnen
Familien sowie der
überproportional häufige Nachweis des HLA-B27 Faktors deutet darauf hin,
daß zwar nicht
die Erkrankung selbst, jedoch die Disposition (Veranlagung) hierzu als
Erbmerkmal
genetisch bedingt, also angeboren ist. Das HLA-B27 Merkmal ist bei 96%
aller
Bechterew-Patienten nachweisbar, in der nicht Morbus Bechterew erkrankten
Gesamtbevölkerung jedoch nur in 8%. Ähnlich wie eine Blutgruppe ist das
Vorkommen oder
Fehlen des HLA-B27 bereits von Geburt an festgelegt und ändert sich
zeitlebens nicht
mehr. Was neben der genetischen Veranlagung im Einzelfall das Immunsystem
zu der
geschilderten Fehlreaktion veranlaßt, ist nicht bekannt. Da nach viralen
oder
bakteriellen Infektionen ähnliche, meist jedoch zeitlich begrenzte
Krankheitsbilder
auftreten können, vermutet man, daß auch beim Morbus Bechterew Infektionen
eine bahnende
Rolle spielen können. Ebenfalls diskutiert werden als möglicher Auslöser
der Erkrankung
bei vorgegebener Veranlagung extreme Kälte- und Nässeeinwirkungen und
anderweitige
extreme körperliche oder seelische Belastungen. Ein spezieller infektiöser
Krankheitserreger konnte jedoch bisher nicht ermittelt werden, auch ist
die Erkrankung
nicht etwa ansteckend. Morbus Bechterew tritt etwa bei 1 % der
mitteleuropäischen
Bevölkerung auf, wobei entgegen früherer Ansicht Frauen und Männer wohl
gleich häufig
erkranken. Da die Erkrankung bei Frauen, von wenigen Ausnahmen abgesehen,
leichter
verläuft, wird sie bei diesen seltener erkannt.
Behandlungsmöglichkeiten
Von größter Bedeutung ist die regelmäßige, dem
jeweiligen
Krankheitsstadium angepaßte krankengymnastische Therapie.
Sie soll die
Beweglichkeit erhalten, die Versteifung von Wirbelsäulenabschnitten in
ungünstiger
Fehlstellung vermeiden und wenig beanspruchte Muskeln trainieren.
Unterstützend können
physikalische Maßnahmen wie Wärmebehandlung (z. B. Moor-
oder
Fangobäder) und Massagen eingesetzt werden, die die Durchblutung des
Gewebes fördern
sowie schmerzbedingten Muskelverspannungen entgegenwirken. Vereinzelt wird
auch die
Kältebehandlung mit gutem Effekt eingesetzt. Diese passiven
Behandlungsmaßnahmen können
jedoch die Krankengymnastik keinesfalls ersetzen. Unterstützend sind auch
spielerisch
sportliche Tätigkeiten äußerst hilfreich und unterstützen die
Krankengymnastik wesentlich, wirken darüber hinaus ebenso wie die
Gymnastik oft auch
schmerzlindernd (Stichwort:Bechterew'ler
brauchen Bewegung).
Sinnvoll ist, insbesondere bei aktivem Krankheitsverlauf, diese genannten
Therapiemaßnahmen gelegentlich unter stationären Bedingungen durchzuführen
bzw. zu
intensivieren. Neben der stationären Behandlung über die Krankenkasse
kommen hierfür
auch stationäre Heilverfahren über die Rentenversicherungsträger in Frage.
Welche
sportliche Tätigkeiten günstig sind, dazu berät der Arzt und der
Krankengymnast.
Für die medikamentöse Therapie kommen in erster Linie
cortisonfreie
Antirheumatika in Frage, die schmerzlindernd bzw. -beseitigend und auch
direkt
entzündungshemmend wirken, wodurch sie sich von reinen Schmerzmitteln
(sog. Analgetika)
unterscheiden. Da die Antirheumatika schmerzbedingte Schonhaltungen
verhindern helfen und
oft eine intensivierte krankengymnastische und sportliche Therapie erst
ermöglichen,
tragen sie wesentlich zu einem günstigen Verlauf der Erkrankung bei.
Darüber hinaus ist
oft nur durch Antirheumatikaeinnahme ein ungestörtes Durchschlafen
möglich, was sich
positiv auf den Allgemeinzustand und die allgemeine Leistungsfähigkeit
auswirkt. Die
heute verfügbaren Antirheumatika sind in der Regel gut verträglich,
Probleme bestehen am
ehesten bezüglich des Magens und Zwölffingerdarms, was meist durch
gleichzeitige Gabe
der heute zur Verfügung stehenden gut verträglichen und hochwirksamen
magenschützenden
Medikamente beherrscht werden kann.
Der Einsatz von Cortison (ein auch im Körper produziertes, sehr stark
entzündungshemmendes Hormon) ist hingegen bei der Bechterew'schen
Erkrankung nur in
Ausnahmesituationen (hochaktive, anders nicht beherrschbare
Schubsituationen,
Gelenkbeteiligung, hier evtl. auch als Injektion in das entzündete Gelenk
und bei der
Regenbogenhautentzündung) angebracht. Da, von diesen Situationen
abgesehen, Cortison im
Vergleich zu cortisonfreien Antirheumatika keinen Vorteil bietet, bei
längerer Anwendung
insbesondere in höherer Dosierung jedoch fast stets mit Nebenwirkungen
verbunden ist,
sollte sonst hierauf verzichtet werden. Gut verträgliche reine
Schmerzmittel oder
muskelentspannende Präparate können evtl. zusätzlich eingenommen werden.
Operative
Maßnahmen (z. B. Aufrichtungsoperationen bei erheblich
funktionsbeeinträchtigender fixierter Fehlstellung der Wirbelsäule) werden
bei
konsequenter Durchführung der geschilderten Therapiemaßnahmen nur extrem
selten
erforderlich. Die früher gelegentlich angewandte Therapie mit radioaktiven
Substanzen als
Injektion bzw. die Röntgenbestrahlung wird heute wegen der damit
verbundenen
Strahlenbelastung praktisch nicht mehr angewandt. Bei Auftreten einer
Regenbogenhautentzündung, an die immer bei Rötung, Schmerzen des Auges und
Sehstörungen
gedacht werden muß, sollte sofort der Augenarzt aufgesucht werden, da nur
sofortige
Therapie eine bleibende Sehbeeinträchtigung verhindern kann.
Alle medikamentösen, krankengymnastischen und physikalischen
Therapiemaßnahmen sollten
mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden. Hilfe zur Selbsthilfe und
Beratung bieten
die Selbsthilfeorganisationen Deutsche Rheuma-Liga und Deutsche
Vereinigung Morbus
Bechterew. Hier erfährt man auch die nächstgelegene Bewegungs- und
Therapiegruppe.
Verfasser:
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Dr. med. Ortwin Rave, Arzt für innere Medizin,
Rheumatologie
Rheumaklinik Oberammergau
Hubertusstraße 40, 82487 Oberammergau
Tel.: 08822/914-0
Fax: 08822/914-222 |
Weitere Informationen: |
Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e. V.
Hilfs- und Selbsthilfegemeinschaft rheumakranker Menschen
Maximilianstr. 14, 53111 Bonn
Fax: 02 28 / 76 60 6-20 |
Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew
Metzgergasse 16, 97421 Schweinfurt
Tel.: 09721 /22033
Fax 09721 /22955
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und Deutsche
Vereinigung Morbus
Bechterew, Ortsgruppe Heidelberg |
Herausgeber: |
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Deutsche Rheuma-Liga
Bundesverband e.V.
Maximilianstr. 14
53111 Bonn |
Neuauflage 1997 - 15.000 Exemplare
Drucknummer: MB 1.4/BV/12/97
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