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Was ist eine Vaskulitis?
Vaskulitis (Mehrzahl: Vaskulitiden), die Endung
itis signalisiert
es bereits, ist eine Entzündung von Blutgefäßen. Vaskulitiden gehören in
der Medizin
zu den facettenreichsten Krankheitsbildern. Ärzte nahezu jeder
Fachrichtung können auf
Patienten mit einer Vaskulitis treffen. Dies rührt daher, daß in jedem
Organ des
Körpers Blutgefäße sind (als Versorgungsbahn für Sauerstoff, Nährstoffe
u.s.w.) und
prinzipiell auch alle erkranken können. Da die Blutgefäße aber in der
Regel durch
umgebendes Bindegewebe recht geschützt liegen, kann man sie ohne
Hilfsmittel meist nicht
direkt betrachten.
Vaskulitiden galten noch vor zehn Jahren als extrem selten und nur schwer
erkennbar. Man
war sich auch einig, daß die Diagnose "Vaskulitis" immer eine
lebensbedrohliche
Situation darstellt. Durch erheblich verbesserte
Untersuchungsmöglichkeiten werden
Vaskulitiden heute nicht nur sehr viel häufiger, sondern auch in frühen,
weniger
bedrohlichen Stadien erkannt.
Was führt zu einer Vaskulitis?
Vaskulitiden können im Rahmen von anderen
Krankheiten
entstehen, man nennt sie dann sekundäre Vaskulitis. Am
häufigsten
treten sie dann bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen auf, z.B. bei
der Rheumatoiden
Arthritis, dem Lupus erythematodes, nur ausnahmsweise bei der
Sklerodermie. Aber auch
verschiedene Infektionskrankheiten (v. a. durch Viren ausgelöst, z.B. bei
der
Virus-Hepatitis) oder auch Tumorleiden können zu einer Vaskulitis fuhren.
Sogar
Medikamente können eine Vaskulitis hervorrufen. Sehr häufig findet man
aber keinen der
genannten Auslöser.
Wenn, was bei vielen Erkrankungen der Fall ist, keine Ursache erkennbar
ist, wird die
Vaskulitis als eigenständige Erkrankung betrachtet (primäre
Vaskulitis).
Vaskulitiden können in jedem Lebensalter, bei Männern und Frauen
gleichermaßen,
auftreten. Die häufigsten primären Vaskulitiden sind in der
nachfolgenden
Tabelle aufgeführt. Sie unterscheiden sich v.a. in dem
bevorzugten Befall
bestimmter Gefäßregionen. So erkranken bei der Wegenerschen Granulomatose
vorrangig die
kleinen Gefäße (v.a. die kleinsten Haarnadelgefäße = Kapillaren der Niere
und der
Lunge), während andere zu einer Entzündung von großen Blutgefäße führen
(Riesenzell-Arteriitis). Auch erkranken an einzelnen Vaskulitis-Formen nur
bestimmte
Altersgruppen, so ist das Kawasaki-Syndrom eine Vaskulitis des
Kindesalters, die Purpura
Schönlein-Henoch jugendlicher Erwachsener. Die Takayasu-Arteriitis
betrifft v.a. junge
Frauen unter dem 40. Lebensjahr, während die Arteriitis temporalis eine
Krankheit
jenseits des 50. Lebensjahres ist.
| Primäre Vaskulitiden |
Riesenzellarteriitis |
align="left"> |
Arteriitis temporalis
Takayasu-Arteriitis |
Wegenerschen
Granulomatose
Churg-Strauss-Syndrom
Mikroskopische Polyangiitis |
Polyarteriitis
nodosa (Kussmaul & Mayer)
Kawasaki-Syndrom |
Purpura
Schönlein-Henoch
Kutane (leukozytoklastische) Angiitis |
Was sind die Folgen einer Vaskulitis?
Wie bei jeder Entzündung im Körper, kommt es auch bei einer Vaskulitis zu einer Schwellung. Davon sind besonders die
Gefäßwändebetroffen, die im Extremfall die gesamte Lichtung des Blutgefäßes verlegen
oderverschließen kann. Das hat eine mehr oder weniger abrupte Unterbrechung
der Nahrungs-
und Sauerstoffzufuhr der entsprechenden Organe zur Folge und
führt unter Umständen zum Infarkt. Die Auswirkungen sind mit denen eines Herzinfarktes
oder Schlaganfalls beim älteren Menschen infolge Arteriosklerose identisch.
Dies kann bei einer Vaskulitis auch in ganz anderen Organen passieren: z.B. Nieren,
Lungen oder Darm.
Entzündete Gefäße können sich nicht nur verengen (s. Abbildung) oder
verschließen, sie können auch Aussackungen (= Aneurysma) bilden und platzen (= Ruptur).
Dann besteht die Gefahr der Blutung. Die unmittelbaren Folgen der Vaskulitis sind sehr
unterschiedlich.
Sie hängen von der Große des betroffenen Gefäßes ab, von der Zahl der
entzündeten Gefäße, von der Ausprägung der Entzündung und natürlich davon, welche
Gefäße erkrankt sind. Der entzündlich bedingte Verschluß eines Hauptgefäßes am
Herzen hat natürliche ganz andere Folgen als eine alleinige Entzündung von
Hautgefäßen.
| Häufige Zeichen einer Vaskulitis |
·
|
Rheumatische Beschwerden (Schmerzen in Gelenken undMuskeln, gelegentlich auch Gelenkschwellungen, die aber im Gegensatz zur Rheumatoiden Arthritis nicht zu Gelenkzerstörungen oder Verformungen führen) |
| · |
Das "rote Auge" (meist in Form einerLederhautentzündung) |
| · |
Plötzlich auftretende Sehstörungen (Verschluß vonAugengefäßen) |
| · |
Beschwerden im Hals-Nasen-Ohren-Bereich (anhaltendverstopfte Nase, blutiger Schnupfen mit Krusten, Hörsturz) |
| · |
Starke Schläfenkopfschmerzen mit Anschwellen derSchläfenarterie und Sehstörungen |
·
|
Hautveränderungen, z.B. punktförmiger Ausschlag (Purpura), v.a. an den Beinen, offene Stellen, Geschwüre an Haut und Schleimhäuten, z.B. auch im Mund oder im Genitalbereich, die meist schlecht heilen |
| · |
Kribbeln und andere Mißempfindungen (Nervenentzündung)in den Füßen, seltener Händen |
| · |
Bluthusten, verbunden mit Luftnot |
| · |
Blutiger Urin |
| · |
Blutige Durchfälle, meist mit krampfartigenBauchschmerzen verbunden |
| Oft weisen aber erst hinzutretende ausgeprägteAllgemeinsymptome (Fieber, allgemeines Krankheitsgefühl, Nachtschweiß, unerklärbareGewichtsabnahme) dem Arzt die richtige Spur. |
Wie kann der Arzt eine Vaskulitis feststellen?
Jedes dieser o.g. Krankheitszeichen kann
natürlich auch eine Vielzahl anderer Ursachen haben und bedeutet nicht zwangsläufig die
Diagnose "Vaskulitis". Hier kommt es darauf an, ähnlich einem
Puzzle-Spiel, die einzelnen Symptome, die selten alle zusammen auftreten, auch zunächst
wieder ohne Therapie verschwinden können, zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Dies
ist in der
Praxis oft schwierig; wenn z.B. der Augenarzt das "rote Auge"
nur als
Einzelkrankheit betrachtet oder der HNO-Arzt den Hörsturz als isoliertes
Leiden behandelt
und die verschiedenen Fachärzte eine enge Zusammenarbeit mit Hausarzt oder
Internisten
(und umgekehrt) versäumen. Fast nie beginnt eine Vaskulitis plötzlich
"aus heiterem
Himmel" von einem Tag auf den anderen!
Meist werden aber erste Symptome nicht genügend beachtet
und es kommt
daher scheinbar zum "blitzartigen" Auftreten einer Vaskulitis.
Wenn der Arzt
aber aufgrund der genauen Befragung des Patienten, auch
nach scheinbar
nebensächlichen Dingen, und der körperlichen Untersuchung zunächst nur den
vagen
Verdacht auf eine Vaskulitis hat, müssen unverzüglich weitere
Untersuchungen
folgen. Diese beinhalten zunächst die Suche nach einer anderen,
möglicherweise
der Vaskulitis zugrundeliegenden Krankheit (Infektionskrankheiten,
Tumorleiden,
auslösende Medikamente = sekundäre Vaskulitis). Dann müssen ganz genau die
verschiedenen
Organe nach Zeichen einer Vaskulitis "abgeklopft"
werden, um exakt die
Ausdehnung, Schwere und schon mögliche Folgen der Vaskulitis
festzustellen. Dazu stehen
heute eine Vielzahl moderner Bluttests und andere
Untersuchungsverfahren
zur Verfügung.
Blutuntersuchung
Hier sind zunächst die allgemeinen Entzündungszeichen
(z.B. erhöhte
Blutsenkungsgeschwindigkeit, Blutbildveränderungen, erhöhte
Entzündungseiweiße) die
ersten Indizien für eine Entzündung im Körper. Diese Werte sind aber auch
bei vielen
anderen Krankheiten verändert und erlauben allein nicht die Diagnose
"Vaskulitis". Zur Unterscheidung einzelner Vaskulitisformen sind
sie ebenfalls
nicht geeignet.
Antikörper
Bei manchen Vaskulitisarten findet man sogenannte
Auto-Antikörper im
Blut, die das Abwehrsystem (Immunsystem) fälschlicherweise gegen
körpereigene Strukturen
bildet. Normalerweise werden Antikörper ausschließlich zur Bekämpfung
körperfremder
"Eindringlinge" (Bakterien u.s.w.) gebildet. Warum plötzlich
körpereigene
Bestandteile angegriffen werden, ist unbekannt. Von herausragender
Bedeutung bei einigen Vaskulitisarten sind ANCA. ANCA
steht für Anti-Neutrophile
Cytoplasmatische
Antikörper.
Sie sind gegen das Innere (Cytoplasma) einer bestimmten Gruppe von weißen
Blutzellen
(Neutrophilen) gerichtet. ANCA scheinen eine ganz besondere Rolle bei der
Entstehung von
Vaskulitiden zu spielen und sie sind eine große Hilfe für das Feststellen
einer Wegenerschen
Granulomatose, beim Churg-Strauss-Syndrom und
der mikroskopischen
Polyangiitis.
Organparameter sagen etwas über die Funktion oder Entzündung
eines Organs aus, so z.B. für die Niere das Kreatinin und Urinteste; eine Entzündung der
Muskulatur, einschließlich des Herzmuskels läßt sich ebenfalls über einen Bluttest
messen (Creatinkinase = CK). Da es aber für viele Organsysteme leider keine
einfachen Bluttests
gibt, müssen manchmal andere Körperflüssigkeiten
untersucht werden,
z.B. Lungenspülwasser (Bronchial-Lavage). Oft muß man auch über
verschiedene
bildgebende Untersuchungen Rückschlüsse auf eine Vaskulitis
ziehen (Röntgen,
Angiographie = Gefäßdarstellung mit Kontrastmittel (s. Abbildung),
Computer-Tomogramm =
Schicht-Röntgen), wobei heute zunehmend Verfahren mit immer weniger oder
gar keiner
Strahlenbelastung bzw. ohne Kontrastmittel eingesetzt werden (Sonographie
= Ultraschall,
Magnet-Resonanz-Tomographie = MRT).
Von besonderer Bedeutung ist aufgrund des "bunten Bildes" der
Vaskulitis die
gemeinsame Betreuung des Patienten durch Ärzte verschiedener
Fachrichtungen,
die sehr eng zusammenarbeiten müssen. So werden z.B. der Internist, der
HNO-Arzt, der
Augenarzt, der Neurologe, oder der Hautarzt, jeder auf seinem Gebiet, nach
Zeichen der
Vaskulitis suchen, von denen der Patient nicht immer etwas merken muß.
Letztlich
beweisend für die Diagnose "Vaskulitis" bleibt aber nach wie vor
die feingewebliche
Sicherung unter dem Mikroskop (Histologie).
Wie kann man die Vaskulitis
behandeln?
Die beschriebene Untersuchung der
verschiedenen Organe zur
Einschätzung der Schwere, Bedrohlichkeit, Ausdehnung und Folgen der
Vaskulitis ist
Voraussetzung für eine "maßgeschneiderte"
Therapie. Während
bis vor einigen Jahren noch alle Vaskulitis-Patienten nahezu identisch
behandelt wurden,
hängt heute die Art der Behandlung davon ab, ob eine
akut-lebensbedrohliche Situation
vorliegt, z.B. ein schwerer Befall von Lunge, Herz oder ob Organfunktionen
in Gefahr sind
(Nierenversagen!). Während ohne Behandlung ca. 80% dieser Patienten
innerhalb des ersten
Jahres sterben würden, können heute auch lebensbedrohliche
Situationen meist gut
beherrscht werden.
Die Vaskulitis ist zwar oft nicht heilbar, aber sehr gut
behandelbar, so
daß heute über 90% dieser Patienten überleben. Dies muß aber mit z.T. auch
recht
aggressiven Behandlungen erkauft werden. Fast immer ist
Cortison
notwendig, anfangs auch in sehr hoher Dosis, z.B. über 100mg am Tag. Bei
Besserung wird
man die Cortison-Dosis auch wieder reduzieren können und sogar ganz
absetzen. Cortison
allein ist aber nur selten ausreichend um die Vaskulitis wirkungsvoll zu
bekämpfen. Oft
sind andere Immunsuppressiva (Medikamente, die das
überschießend
arbeitende Immunsystem bremsen) notwendig. So muß bei schweren Formen
Cyclophosphamid
(EndoxanR), ein Krebsmittel eingesetzt werden. Während man noch
vor wenigen
Jahren Vaskulitis-Patienten oft mehrere Jahre mit Cyclophosphamid
behandelt hat und damit
zum Teil schwerwiegende Spätkomplikationen in Kauf nahm (z.B. blutige
Blasenentzündung,
Blasenkrebsentstehung, bleibende Unfruchtbarkeit, bleibende
Blutbildungsschäden,
Infektionsgefahr), behandelt man heute sehr viel kürzer, meist reichen 6
Monate aus, um
die akute Gefahr für Leben und Organe zu bannen ("so kurz wie
möglich, so lang wie
nötig"). Anschließend kann man dann auf "weichere"
Medikamente
übergehen, um den erreichten Zustand der Besserung zu halten: Vielen
Nebenwirkungen
sowohl von Cortison als auch EndoxanR können Patient und Arzt
durch
entsprechende Ernährung und Verhaltensweise vorbeugen (Calciumreiche
Ernährung, Vitamin
D, zucker-, fett- und salzarme Ernährung, reichliche Flüssigkeitszufuhr,
Blut- und
Urinkontrollen und Führen eines Therapiepasses). Leichtere Verläufe einer
Vaskulitis
können auch unter entsprechenden Kontrollen von Anfang an mit weniger
aggressiven
Medikamenten behandelt werden.
Je nach Therapieform sind darunter zum Teil sehr häufige ärztliche
Kontrollen notwendig,
z.B. sollten unter Cyclophosphamid mehrmals pro Woche
Blutbildkontrollen erfolgen,
um ein gefährliches Absinken der weißen Blutzellen rechtzeitig zu
erkennen.
Auch wenn nach erfolgreicher Behandlung die Vaskulitis nicht mehr
feststellbar ist, sind
weitere ärztliche Kontrollen notwendig, denn bei ca. der Hälfte der
Patienten muß mit Rückfällen,
bzw. Wiederkehr der Krankheit (Rezidiv) gerechnet werden.
Dies ist auch
durchaus nach Jahren völliger Beschwerdefreiheit möglich. Ein wichtiges
"Frühwarnsymptom" für ein Rezidiv ist das Wiederauftreten von
rheumatischen
Beschwerden.
Bei Vaskulitisformen im Zuge anderer Grundkrankheiten, z.B.
Infektionskrankheiten wird man
sinnvollerweise diese behandeln und damit die Vaskulitis zum Ausheilen
bringen. Wie viele
andere Krankheiten beeinträchtigt die Vaskulitis nicht nur das körperliche
Befinden,
sondern tangiert in verschiedenster Hinsicht die
Lebensqualität mit
vielen sozialen, seelischen, beruflichen und familiären Einschnitten. So
ist neben einer
kompetenten medizinischen Betreuung durch ein in dieser Materie erfahrenes
Ärzteteam auch
die "Eigeninitiative" der Patienten gefragt.
Dies war auch der
Anlaß, 1994 in der Rheumaklinik Bad Bramstedt GmbH eine Selbsthilfegruppe
für
Vaskulitis-Patienten als Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Rheuma-Liga zu
gründen.
Bei Interesse an einer Kontaktaufnahme wenden Sie sich an Ihren
Landesverband oder den
bundesweiten Arbeitskreis Vaskulitis c/o Deutsche Rheuma-Liga
Schleswig-Holstein,
Melanchthonstr. 31, 24114 Kiel, Tel.: 0431/61777, Fax: 04 31 /6719
77.
| Autor: |
Dr. med. Eva
Reinhold-Keller |
Redaktion: |
Susanne Walia
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Herausgeber: |
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Deutsche Rheuma-Liga
Bundesverband e.V.
Maximilianstr. 14
53111 Bonn |
1 . Auflage 1997
10.000 Exemplare
Drucknummer: MB 1.13/BV/04/97
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Anschriften der Deutschen
Rheuma-Liga
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und Rufnummern erhalten Sie auf Wunsch vom Bundesverband und den
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