Was ist Rheuma?

Startseite

Sehr verehrte Patienten, sehr geehrter Patient
Es gibt sehr viele rheumatische Krankheiten, die nur teilweise untereinander gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen, zum anderen jedoch miteinander gar nichts zu tun haben, was Entstehung, Krankheitsbild und Behandlung betrifft. Sie haben eines gemeinsam: den "rheumatischen" Schmerz in den Bewegungsorganen, also in den Gelenken, in der Wirbelsäule, im Knochen, in der Muskulatur und in den Nerven. Das zweite Kennzeichen der rheumatischen Krankheiten ist die eingeschränkte Funktion, also die nicht mehr voll vorhandene Gebrauchsfähigkeit der Gelenke, der Gliedmaßen und der Wirbelsäule. Damit kennzeichnet der Begriff "Rheumatismus" auch nicht eine bestimmte Krankheit, wie oft angenommen wird, sondern stellt den Sammelbegriff für alle die verschiedenen rheumatischen Krankheiten dar. Viele sind seltene, manche aber sehr häufige Krankheiten. Und wenn ein Kranker mit rheumatischen Beschwerden zum Arzt kommt, wird dieser mit entsprechenden Untersuchungen erst feststellen müssen, um welche spezielle rheumatische Erkrankung es sich handelt, damit diese auch zweckentsprechend behandelt werden kann.

Im folgenden können von den zahlreichen rheumatischen Erkrankungen nur die wichtigsten erwähnt werden.

I. Entzündliche Gelenkerkrankungen
Die entzündlichen Gelenkerkrankungen gehen von der Gelenkinnenhaut aus. Bei vielen Erkrankungen ist der Schaden behoben, wenn die Ursache der Entzündung beseitigt ist, und es bleibt kein Dauerschaden am Gelenk zurück. Das ist z. B. bei einer Reihe von Gelenkbeteiligungen bei Infektionskrankheiten, bei bestimmten anderen Erkrankungen, bei Allergien der Fall. Hierbei sind, auch wenn Infektionskrankheiten die Ursache sind, die Krankheitserreger in der Regel nicht im Gelenk selbst zu finden. Es gibt aber bei anderen Gelenkerkrankungen auch die Möglichkeit, daß Krankheitserreger ins Gelenk wandern und dort selbst die Entzündung verursachen. Bei wieder anderen Erkrankungen spielen jedoch Krankheitserreger wahrscheinlich keine Rolle, obwohl wir die letztliche Ursache nicht kennen. Diese Erkrankungen sollen hier nicht im einzelnen besprochen werden. Sie heilen nach entsprechender Behandlung aus.

Ia. Das sogenannte Rheumatische Fieber
Eine besondere Erkrankung ist das rheumatische Fieber. Der Name führt irre, weil die Krankheit nicht unbedingt mit Fieber einhergehen muß. Man spricht auch von "Streptokokkenrheumatismus", weil bestimmte Bakterien, nämlich Streptokokken, die eine Halsangina hervorrufen, zur Auslösung der Krankheit notwendig sind. Es kommt nach einer solchen Streptokokkenangina, die man im übrigen manchmal gar nicht bemerkt, zu der nach einigen Wochen wieder vorübergehenden Entzündung der Gelenke, die nicht selten von einer entzündlichen Herzerkrankung mit der Gefahr eines bleibenden Herzklappenfehlers begleitet wird. Diese Erkrankung ist heute sehr selten geworden.

Ib. Der chronische Gelenkrheumatismus
Die letztliche Ursache des chronischen Gelenkrheumatismus (von den Ärzten als "chronische Polyarthritis", auch als "rheumatoide Arthritis" bezeichnet) ist nicht bekannt. Wir wissen aber, daß aus irgendeinem Grund der Körper in krankhafter Weise "Gegenstoffe" (Antikörper) bildet. Die Antikörper reagieren mit der Gelenkinnenhaut, was zu einer Entzündung und langsamen Zerstörung des Knorpels, des gelenkbildenden Knochens und zur Gelenkversteifung führt, und das häufig in einer für das tägliche Leben sehr ungünstigen Stellung. Durch die häufige Mitbeteiligung der Sehnen und Sehnenscheiden mit Entzündung und Schrumpfung werden zusammen mit der Gelenkzerstörung Fehlstellungen in den Gelenken gefördert. Bei mangelnder Bewegung der Gelenke droht auch die zugehörige Muskulatur an Substanz zu verlieren.

Die frühzeitig notwendige Behandlung zur Abwendung dieser schlimmsten Endzustände richtet sich in erster Linie gegen die Bildung und das unheilvolle Wirken der Antikörper, gegen die Entzündung im Gelenk und gegen die drohende Versteifung. Man muß dabei wissen, daß sich Gelenkzerstörungen leider nicht rückgängig machen lassen, um so wichtiger ist also die frühe und ständige Behandlung.

Im übrigen gibt es noch eine Reihe seltenerer chronischer Erkrankungen mit einer Gelenkbeteiligung, die der des chronischen Gelenkrheumatismus ähnlich sind und auch ähnlich behandelt werden, nach heutigen Kenntnissen stellen sie jedoch bezüglich der Entstehung und des Krankheitsgeschehens gesonderte rheumatische Krankheiten dar.

Ic. Die Arthritis nach einer Darm- oder Harnwegsinfektion
Nach Darm- oder Harnwegsinfektionen treten bei manchen Personen, die einen erblichen Faktor (HLA-B27) aufweisen, eine Gelenkentzündung teils mit Wirbelsäulenbeteiligung auf, die in der Regel ohne Gelenkzerstörung nach Wochen bis Monaten wieder abheilt. Medizinisch nennt man diese Erkrankung "postinfektiöse reaktive Arthritis" bzw. bei Wirbelsäulenbeteiligung "Spondarthritis".

Id. Die Gicht
Eine völlig andere und ebenfalls häufige entzündliche Gelenkerkrankung ist die Gicht. Es werden viele rheumatische Gelenkerkrankungen fälschlich als Gicht bezeichnet, nur weil sie auch mit Gelenkfehlstellungen und Knoten in Gelenknähe einhergehen, so z. B. der chronische Gelenkrheumatismus oder eine Arthrose der Fingerendgelenke. Die Ursache einer Gicht ist eine krankhaft vermehrte Harnsäure im Blut. Die Harnsäure ist in erster Linie das Endprodukt des chemischen Abbaues der Zellkerne, also des Fleisches, sie kann aber auch im Körper selbst gebildet werden. Sie heißt "Harnsäure", weil sie normalerweise neben vielen anderen Abbaustoffen in genügender Menge mit dem Harn ausgeschieden wird. Eine fleischfreie Diät allein, die im übrigen erfahrungsgemäß ein Leben lang doch nicht eingehalten wird, vermag die erhöhte Harnsäure oft nicht zu vermindern. Die Ursache ist eine krankhafte Störung der Bildung und der Ausscheidung der Harnsäure, die sich durch keine Maßnahme ausreichend beheben läßt.

In einem größeren Teil der Fälle mit erhöhter Blutharnsäure fällt diese in Kristallform, u. a. in den Gelenken, aus, wirkt dort als Fremdkörper und ruft so eine Gelenkentzündung, den Gichtanfall, hervor. Eine langdauernde Gicht mit wiederholten Anfällen kann auch zu einer Gelenkzerstörung führen.

Die Behandlung allein des Anfalls geschieht mit bestimmten Medikamenten: spezifisch mit Colchicin und ferner mit bekannten antirheumatischen Mitteln. Die dauerhafte Verhütung der Gelenkanfälle geschieht mit Medikamenten, die entweder eine vermehrte Harnsäureausscheidung durch die Niere erzwingen oder die vermehrte Harnsäurebildung verhindern. Diese Mittel müssen aber zeitlebens genommen werden, sonst kommt die Erkrankung unweigerlich wieder. Eine Bewegungsbehandlung oder eine Badebehandlung nutzt hier nichts.

Da die Ausscheidung der Harnsäure durch die Nieren erfolgt, kann es auch dort zur Ablagerung und zu Nierensteinen kommen, deshalb leiden auch zahlreiche Gelenkgichtkranke an Nierensteinen. Ihr Arzt wird deshalb u. U. auch ein Mittel verordnen, mit dem der Urin in einen chemischen Zustand gebracht wird, in dem sich Harnsäuresteine nicht bilden können.

II. Entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen
Auch bei den Erkrankungen der Wirbelsäule gibt es entzündliche und nichtentzündliche, wobei hier ebenfalls nur die häufigeren ausführlich besprochen werden sollen. Krankheitserreger gelangen, wie beispielsweise bei der Tuberkulose oder beim Typhus, direkt an die Wirbelsäule und können dort einen zerstörenden Einfluß ausüben.

IIa. Die Bechterew'sche Erkrankung
Es gibt aber auch, ähnlich, aber doch nicht vergleichbar, wie beim chronischen Gelenkrheumatismus, eine entzündliche Erkrankung der ganzen Wirbelsäule, die ihre Ursache im Körper selbst hat, und bei der wir die eigentliche auslösende Ursache nicht kennen. Nur wissen wir bei dieser Wirbelsäulenerkrankung, die wir Bechterew'sche Krankheit (oder ärztlich Spondylitis ankylosans oder Spondylitis ankylopoetica) nennen, daß, mit wenigen Ausnahmen, das sogenannte ererbte HLA-B27 (wie bei der reaktiven Arthritis) die Voraussetzung für den Ausbruch der Erkrankung ist. Es kommt bei der Bechterew'schen Erkrankung zur Entzündung der Gelenke, die die Wirbel miteinander und die Wirbel mit den Rippen verbinden, und vor allem auch zu einer Beteiligung der Bandscheiben, die zwischen den Wirbelkörpern liegen. Auch die Verbindung zwischen Kreuz- und Darmbein ist von der Krankheit frühzeitig betroffen und führt zu den typischen und nächtlich-frühmorgendlichen tiefsitzenden Kreuzschmerzen. Auch Hüft- und Schultergelenke sind öfter beteiligt. Der Endzustand ist auch hier eine Verknöcherung und damit Versteifung der nach vorn sich beugenden Wirbelsäule. Dazu kommen noch Knochenspangen, die die Wirbel miteinander verklammern. Auch die Wirbel-Rippengelenke sind beteiligt mit der Folge der Atembehinderung durch die aufgehobene Brustatmung. Mit antirheumatischen Mitteln werden die Schmerzen direkt an der Wirbelsäule gebessert. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger als beim chronischen Gelenkrheumatismus, ist die Bewegungsbehandlung zur Verhinderung der Verkrümmung und Versteifung.

III. Nichtentzündliche Gelenkerkrankungen
IIIa. Die Gelenkarthrose

Nun zu den Arthrosen der Gelenke, die durch Abnutzung und Überlastung des Gelenkknorpels entstehen. Es kommt hier zu zunehmendem Verschleiß des Knorpels und schließlich zur Schädigung des Knochens, der darüber hinaus mit Knochenanlagerungen reagiert, die ihrerseits die Gelenkbeweglichkeit beeinträchtigen. Entzündliche Vorgange gibt es hier höchstens als Begleiterscheinung infolge Reizung durch abgeriebenen Knorpel und Knochen. Warum kommt es nun aber zu diesem Knorpelverschleiß? Die natürliche Alterung des Knorpels führt zu einer Verminderung seiner Elastizität und damit seiner stoßdämpfenden Eigenschaften. Damit wird aber auch die Durchsaftung und Ernährung des Knorpels schwieriger. Diese Tatsache allein führt jedoch meist noch nicht zu einer Arthrose. Meist wird es so sein, daß ein Knorpel, der sonst einer normalen Belastung noch standgehalten hatte, durch Mehrbelastung geschädigt wird. Diese Mehrbelastung kann den gesamten Knorpel eines oder mehrerer Gelenke betreffen oder auch durch besonders gerichtete Belastung an einem Teil des Knorpels zur anfänglichen Schädigung führen, die sich dann jedoch auf den ganzen Knorpel ausbreitet.

Ursachen für solche Überlastungen und Fehlbelastungen sind beispielsweise berufliche Überlastungen (z. B. eines Beines), Mehrbelastung eines Beines infolge Verkürzung des anderen oder durch Schonung des anderen (z. B. nach Unfall) oder nach Amputation des anderen Beines, nach angeborenen Schiefhaltungen, nach schlecht verheilten Knochenbrüchen, Störungen im Aufbau des Gelenkes selbst usw. Aber auch ein Übergewicht stellt eine zusätzliche Überbelastung für einen für normales Gewicht gebauten Gelenkknorpel dar.

Nun kommt aber bei der Arthrose noch einiges dazu. Durch den Schmerz, der erst im fortgeschrittenen Stadium der Gelenkreizung auftritt, verspannen sich die Muskeln, die für die Gelenkbewegung verantwortlich sind, wodurch ein zusätzlicher Druck auf den Gelenkknorpel ausgeübt wird. Schließlich kommt es zu einer Deformierung, die keine normalen Bewegungsabläufe mehr erlaubt.

Ein einmal geschädigter Knorpel kann nicht wieder, wie beispielsweise die Haut, nachwachsen. Auch mit Hilfe eines Medikamentes kann er das nicht. Durch bestimmte Spritzen kann man, wenn man sie früh anwendet, versuchen, eine bessere Stabilität des verbliebenen Knorpels zu erreichen. Durch weitere Mittel und besondere Anwendungen bekämpft man den Schmerz und die Muskelverspannung, den erhöhten Druck auf den Knorpel sowie die evtl. begleitende Entzündung. Schließlich gibt es Operationen des Knorpels; eine übermäßige Belastung ist für den Knorpel jedoch schädlich. Deshalb ist "Bewegung unter Entlastung" für die Arthrose die geeignete Maßnahme.

Die Arthrose ist wegen der speziellen Belastungsverhältnisse weitaus am häufigsten in den Knie- und Hüftgelenken. Eine besondere Form ist die Fingergelenksarthrose mit Knoten über den Fingerendgelenken, die vom Unwissenden häufig mit einer Gicht verwechselt werden.

IV. Nichtentzündliche Wirbelsäulenerkrankungen
IVa. Degenerative und durch Fehlhaltung bedingte Wirbelsäulenleiden

Auch an der Wirbelsäule kennen wir "Verschleißerscheinungen" wie bei den Gelenken, nur wirken sich diese an der Wirbelsäule natürlich anders aus. Es können die Zwischenwirbelgelenke "arthrotisch" erkranken, im Vordergrund steht jedoch der Bandscheibenschaden mit seinen vielfältigen Folgeerscheinungen. Die Bandscheibe, die zusammen mit den benachbarten Wirbeln so etwas Ähnliches wie ein Gelenk bildet, ist auch aus Knorpel, büßt an Elastizität ein und kann schließlich, unterstützt durch Überlastung und Fehlbelastung, zerstört werden.

Ähnlich wie bei den Gelenken reagieren die Wirbelknochen dabei gern mit knöchernen Auswüchsen, die die Wirbel auch überbrücken können. Die Zerstörung der Bandscheibe kann aber auch, unterstützt durch ungünstige Bewegungen, zu einem schmerzhaften "Herausgleiten" des Bandscheibenkernes führen. Dieser kann auf die Nerven drücken, die an dieser Stelle die Wirbelsäule verlassen. Es gibt Nerven, die für die Schmerzempfindung, solche, die für die Bewegung des Körpers und solche, die für die Ernährung, Durchblutung usw. der Gliedmaßen verantwortlich sind. Und je nachdem, welche Nerven hier getroffen werden, kann es zu Schmerzausstrahlungen, Lähmungen oder, besonders im Bereich der Hände, zu Schwellungen usw. kommen. Alle Nerven, die den menschlichen Körper versorgen, kommen aus dem Gehirn oder aus dem Rückenmark und verlassen dieses durch Löcher zwischen zwei Wirbeln. Daher kann es auch fern von der Wirbelsäule zu Ausstrahlungsbeschwerden kommen, je nachdem, welche Fasern der Nerven geschädigt wurden. Ein Nerv besteht ja aus vielen Fasern - so wie ein Kabel aus vielen Strängen besteht - von denen jede einen bestimmten Bezirk versorgt. Eine Reizung der das Bein versorgenden Nerven nennt man "Ischias". Bei diesen Ereignissen spielen auch wieder Muskelverspannungen, teils als Reaktion auf den Schmerz, eine große Rolle.

Nun kann es aber vor allem schon bei jüngeren Menschen, auch zu teilweise sogar ausstrahlenden Wirbelsäulenbeschwerden kommen, ohne daß wir von Abnutzungserscheinungen überhaupt sprechen können. Hier genügen oft schon Fehlhaltungen und Muskelspannungen, um erhebliche Schmerzen auszulösen.

Die Muskelverspannungen selbst können schon Schmerzen machen, sie verstärken aber auch die Fehlhaltung der Wirbelsäule und den Druck eines Wirbels auf den anderen. Es können hierdurch auch direkt oder indirekt Druckerscheinungen auf die Nerven ausgeübt werden. Unser tägliches Leben bietet Ursachen für Fehlhaltungen genug, wobei das Gefährlichste die angespannte Haltung der Wirbelsäule über längere Zeit ist. Die Ursachen liegen in den nur scheinbar bequemen aber oft nicht gesunden, weil nicht der Wirbelsäule angepaßten Betten und Stilmöbeln, in beruflich bedingten Haltungen der Wirbelsäule (am Fließband, beim Schreibmaschinenschreiben, Arbeiten in ständig gebückter Haltung usw.) und mangelnder lockernder Bewegung (am Schreibtisch, im Auto usw.), an den Gegebenheiten in der Schule und zu Hause (ungeeignete Stuhl- und Tischhöhen) und in vielem mehr.

Die Behandlung zielt hier auf die Beseitigung der Ursache sofern möglich, auf die Lockerung der die Wirbelsäule begleitenden Muskulatur, auf Entlastung und ausreichende Bewegung der Wirbelsäule und auf die Schmerzbekämpfung ab. Auch hier ist eine einmal eingetretene Zerstörung der Bandscheibe und eine eventuelle Verknöcherung der Wirbel miteinander natürlich nicht mehr zu beseitigen. Dennoch kann man wenigstens gegen das Fortschreiten doch noch einiges tun.

V. Die Konnektivitiden
"Konnektivitiden" heißt "entzündliche Bindegewebserkrankungen". Gebräuchlicher ist die Bezeichnung " Kollagenosen", was aber nicht ganz zutreffend ist, da es sich nicht um Erkrankungen speziell des Kollagens handelt. Genau genommen gehört auch die chronische Polyarthritis dazu; sie wird aber im allgemeinen als eigenständige Erkrankung aufgeführt. Jedenfalls sind alle Konnektivitiden Autoimmunerkrankungen, also Erkrankungen des Immunsystems. Sie sind meist schwer verlaufende Erkrankungen, die auch die Lebenszeit verkürzen können und besondere therapeutische Aufmerksamkeit erfordern.

Meist müssen sie deshalb auch gezielt mit sogenannten Immunsupressiva und auch mit Cortisonpräparaten behandelt werden, damit man sie beherrscht. Eine gewisse Ausnahme macht hier die Sklerodermie, allerdings muß gesagt werden, daß hier alle Behandlungsversuche problematisch sind.

Va. Lupus erythematodes
Der sogenannte Lupus-erythematodes (L.e.) ist eine oft schwere, bedrohlich verlaufende Erkrankung, die nicht nur die Gelenke betreffen kann, sondern viele Organe in Mitleidenschaft zieht. Betroffen sind in unterschiedlicher Häufigkeit die Haut, die Nieren, das Herz, das Blut, die Gefäße und teilweise auch das Nervensystem. Charakteristisch sind Fieberschübe. Vielfältig sind demnach auch die Symptome der Erkrankung als Auswirkung der Organbeteiligung.

Vb. Sklerodermie
Die Sklerodermie, fachlich als "progressive systemische Sklerose" bezeichnet, ist eine Erkrankung, die zu einer Verhärtung der Haut und teils auch der Schleimhäute des Mundes und der Speiseröhre führt. Beteiligt können in Form von krankhafter Vermehrung und Verhärtung des Bindegewebes auch innere Organe (Lunge, Herz, Nieren, Gefäße) sein. Typisch ist ein begleitendes Raynaud-Syndrom (zeitweises "Absterben" der Finger). Die Gelenke sind weniger betroffen, wenn sie auch auf Grund der Verhärtung der Haut an Beweglichkeit verlieren.
Es gibt zwei Formen der Sklerodermie: eine, die sich auf Hände, Mund, Unterarme, Füße, Unterschenkel und Gesicht beschränkt, und eine, die den ganzen Körper befällt.

Vc. Polymyositis / Dermatomyositis
Diese seltene, chronisch-entzündliche Erkrankung der Muskulatur mit (Dermatomyositis) und ohne (Polymyositis) Hautbeteiligung (vor allem im Gesicht, an den Händen und sonstigen sonnenexponierten Stellen) äußert sich durch zunehmende Muskelschwäche mit Schmerzen und Muskelschwund besonders an den Schultern/Oberarmen und Oberschenkeln. Bei älteren Patienten wird oft ein bösartiger Tumor gefunden.
Eine Gelenkbeteiligung ist relativ häufig, auch hier gibt es ein Raynaud-Syndrom, allerdings seltener als bei Sklerodermie.

Vd. Panateriitis (nodosa)
Diese seltene Bindegewebserkrankung betrifft hauptsächlich mittlere, manchmal auch kleine Arterien der verschiedensten Lokalisationen und äußert sich in Erscheinungen, die diese Lokalisation betreffen: Nierenarterie (Hochdruck), Darmarterien (Bauchschmerzen), nervenversorgende Arterien (Nervenentzündung), Herz-Kranz-Gefäße (Angina pectoris). Muskel- und Gelenkschmerzen begleiten oft die Erkrankung.

Ve. Wegener'sche Granulomatose
Diese seltene, sehr unterschiedlich verlaufende Erkrankung ist eine ursächlich noch nicht geklärte, von den Blutgefäßen ausgehende Erkrankung mit Bildung von Granulomen (entzündliche Gewebswucherungen) mit möglicher Beteiligung zahlreicher Organe (in der Reihenfolge der Häufigkeit: Lunge, Niere, Gelenke, Nase, Rachen, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien, Augen, Haut, Ohren; Fieber) mit entsprechenden klinischen Erscheinungen.

VI. Mischkonnektivitiden
Wie der Name sagt, handelt es sich hierbei um Überschneidungen der Symptome verschiedener Konnektivitiden; so weist diese Erkrankung, die man auch "Sharp-Syndrom" nennt, Zeichen des L.e., der systemischen Sklerose, der Polymyositis und der chronischen Polyarthritis auf.

VIa. Sjögren-Syndrom
Das Sjögren-Syndrom ist eine Kombination von Entzündung der Tränendrüsen mit Versiegen der Tränenflüssigkeit und Entzündung der Speicheldrüsen mit Mundtrockenheit und auch Beteiligung anderer Drüsen. Diese Erkrankung ist oft Begleitungssymptom anderer Konnektivitiden.

VIb. Polymyalgia arteriitica (rheumatica)
Diese entzündliche Erkrankung wird meist nicht zu den Konnektivitiden gerechnet, obwohl die Ursache, eine entzündliche Arterienerkrankung (deshalb besser "arteriitica" als "rheumatica"), eine Beziehung zu den Konnektivitiden hat. Die Muskulatur (Schmerzen und Schwäche der Schulter-, Oberarm-, Becken- und Oberschenkel-Muskulatur, vor allem morgens und in der ersten Tageshälfte) selbst, läßt keine entzündlichen Erscheinungen erkennen.

Die Erkrankung ist oft durch Depressionen kompliziert. Die Gefäßerkrankung kann sich in einer Beteiligung der Hirnarterien (Kopfschmerzen, Sehstörungen) und gelegentlich der Herzarterien (Angina pectoris) äußern. In jedem Falle ist die Gabe von Cortison meist entscheidend und unumgänglich. Oft heilt die Erkrankung nach entsprechender Behandlung in zwei bis drei Jahren aus.

VII. Auswirkungen der rheumatischen Erkrankungen hinsichtlich Arbeitsfähigkeit und Selbstversorgung
Je nach der vorliegenden rheumatischen Erkrankung und deren Schwere hat sie eventuell entscheidenden Einfluß auf die Arbeitsfähigkeit, auf die Möglichkeit der häuslichen Selbstversorgung, usw. Die sogenannten entzündlichen Gelenkerkrankungen sind die häufigsten Ursachen der Frühberentung, der man sicher bei konsequenter und gezielter Behandlung wirksam begegnen kann, wozu jedoch auch die Mitarbeit der Patienten dringend notwendig ist. Man hat, abgesehen von schweren Erkrankungsformen, besonders der Konnektivitiden, wegen der rheumatischen Krankheiten keine verkürzte Lebenserwartung.

Das Ziel einer Rheumabehandlung wird deshalb sein, die Leistungsfähigkeit des Rheumatikers so lange wie möglich zu erhalten. Dazu bedarf es aber auch des Willens und der Einsicht des Patienten, daß ein Leben als nützliches Glied der Gesellschaft letztlich immer erstrebenswerter und befriedigender sein wird, als die vorzeitige Berentung mit allen ihren angenehmen, aber auch unangenehmen Begleit- und Folgeerscheinungen. Neben den Erfolgen der ärztlichen Behandlung mit dem Ziel, die Krankheitsentwicklung so gut wie möglich aufzuhalten, gibt es noch viele Möglichkeiten, die Leistungsfähigkeit, also die Arbeitsfähigkeit im Beruf und die Fähigkeit zur Ausübung der Hausarbeit und zur Selbstversorgung zu Hause zu erhalten:

Wechsel der Tätigkeit im gleichen Betrieb oder Wechsel der Arbeitsstelle (evtl. mit Umschulung), Anpassung des Arbeitsplatzes und z. B. der Arbeitswerkzeuge an die noch vorhandene Funktionsfähigkeit, Erlernung von Tätigkeiten als Ersatz für sonst nicht mehr zu erbringende Leistungen, Transport zur und von der Arbeitsstelle, Hilfsgeräte (sogenannte "Arbeitshilfen" oder "Funktionshilfen") zur Ausübung von Tätigkeiten, die beispielsweise mit den Händen allein nicht ausgeführt werden können. Dazu gehört aber auch nicht nur die Mitarbeit der Patienten, sondern auch die Einsicht des Arbeitgebers, die Mitwirkung der Kranken- und Rentenversicherungen, der Gesundheitsbehörden usw.

Es gibt rheumatische Krankheiten, die wieder völlig und endgültig ausheilen können. Bei den meisten handelt es sich jedoch um chronische, also andauernde und somit nicht heilbare Krankheiten. Bei diesen können wir aber - natürlich mit Ausnahmen - Entscheidendes dafür tun, daß die Krankheit nicht oder zumindest wesentlich langsamer fortschreitet.

Verfasser:

Prof. Dr. med. Hartwig Mathies
93074 Bad Abbach


Herausgeber:
Deutsche Rheuma-Liga
Bundesverband e.V.
Rheinallee 69
53173 Bonn
Auflage 1994, 30.000 Exemplare
Gefördert durch die Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung im
Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit