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Sehr verehrte Patienten, sehr geehrter
Patient
Es gibt sehr viele rheumatische Krankheiten, die nur teilweise untereinander gewisse
Gemeinsamkeiten aufweisen, zum anderen jedoch miteinander gar nichts zu tun haben, was
Entstehung, Krankheitsbild und Behandlung betrifft. Sie haben eines gemeinsam: den
"rheumatischen" Schmerz in den Bewegungsorganen, also in den Gelenken, in der
Wirbelsäule, im Knochen, in der Muskulatur und in den Nerven. Das zweite Kennzeichen der
rheumatischen Krankheiten ist die eingeschränkte Funktion, also die nicht mehr voll
vorhandene Gebrauchsfähigkeit der Gelenke, der Gliedmaßen und der Wirbelsäule. Damit
kennzeichnet der Begriff "Rheumatismus" auch nicht eine bestimmte Krankheit, wie
oft angenommen wird, sondern stellt den Sammelbegriff für alle die verschiedenen
rheumatischen Krankheiten dar. Viele sind seltene, manche aber sehr häufige Krankheiten.
Und wenn ein Kranker mit rheumatischen Beschwerden zum Arzt kommt, wird dieser mit
entsprechenden Untersuchungen erst feststellen müssen, um welche spezielle rheumatische
Erkrankung es sich handelt, damit diese auch zweckentsprechend behandelt werden kann.
Im folgenden können von den zahlreichen rheumatischen
Erkrankungen nur die wichtigsten erwähnt werden.
I. Entzündliche Gelenkerkrankungen
Die entzündlichen Gelenkerkrankungen gehen von der
Gelenkinnenhaut aus. Bei vielen Erkrankungen ist der Schaden behoben, wenn die Ursache der
Entzündung beseitigt ist, und es bleibt kein Dauerschaden am Gelenk zurück. Das ist z. B. bei
einer Reihe von Gelenkbeteiligungen bei Infektionskrankheiten, bei bestimmten anderen
Erkrankungen, bei Allergien der Fall. Hierbei sind, auch wenn Infektionskrankheiten die
Ursache sind, die Krankheitserreger in der Regel nicht im Gelenk selbst zu finden. Es gibt
aber bei anderen Gelenkerkrankungen auch die Möglichkeit, daß Krankheitserreger ins Gelenk
wandern und dort selbst die Entzündung verursachen. Bei wieder anderen Erkrankungen
spielen jedoch Krankheitserreger wahrscheinlich keine Rolle, obwohl wir die letztliche
Ursache nicht kennen. Diese Erkrankungen sollen hier nicht im einzelnen besprochen
werden. Sie heilen nach entsprechender Behandlung aus.
Ia. Das sogenannte
Rheumatische Fieber
Eine besondere Erkrankung ist das rheumatische Fieber. Der Name
führt irre,
weil die Krankheit nicht unbedingt mit Fieber einhergehen muß. Man spricht
auch von "Streptokokkenrheumatismus", weil bestimmte Bakterien, nämlich
Streptokokken, die eine Halsangina hervorrufen, zur Auslösung der Krankheit notwendig
sind. Es kommt nach einer solchen Streptokokkenangina, die man im übrigen manchmal gar
nicht bemerkt, zu
der nach einigen Wochen wieder vorübergehenden Entzündung der Gelenke, die
nicht selten
von einer entzündlichen Herzerkrankung mit der Gefahr eines bleibenden
Herzklappenfehlers
begleitet wird. Diese Erkrankung ist heute sehr selten geworden.
Ib. Der chronische
Gelenkrheumatismus
Die letztliche Ursache des chronischen Gelenkrheumatismus (von den Ärzten
als "chronische Polyarthritis", auch als "rheumatoide
Arthritis"
bezeichnet) ist nicht bekannt. Wir wissen aber, daß aus irgendeinem Grund
der Körper in
krankhafter Weise "Gegenstoffe" (Antikörper) bildet. Die
Antikörper reagieren
mit der Gelenkinnenhaut, was zu einer Entzündung und langsamen Zerstörung
des Knorpels,
des gelenkbildenden Knochens und zur Gelenkversteifung führt, und das
häufig in einer
für das tägliche Leben sehr ungünstigen Stellung. Durch die häufige
Mitbeteiligung der
Sehnen und Sehnenscheiden mit Entzündung und Schrumpfung werden zusammen
mit der
Gelenkzerstörung Fehlstellungen in den Gelenken gefördert. Bei mangelnder
Bewegung der
Gelenke droht auch die zugehörige Muskulatur an Substanz zu verlieren.
Die frühzeitig notwendige Behandlung zur Abwendung dieser schlimmsten
Endzustände
richtet sich in erster Linie gegen die Bildung und das unheilvolle Wirken
der Antikörper,
gegen die Entzündung im Gelenk und gegen die drohende Versteifung. Man muß
dabei wissen,
daß sich Gelenkzerstörungen leider nicht rückgängig machen lassen, um so
wichtiger ist
also die frühe und ständige Behandlung.
Im übrigen gibt es noch eine Reihe seltenerer chronischer Erkrankungen mit
einer
Gelenkbeteiligung, die der des chronischen Gelenkrheumatismus ähnlich sind
und auch
ähnlich behandelt werden, nach heutigen Kenntnissen stellen sie jedoch
bezüglich der
Entstehung und des Krankheitsgeschehens gesonderte rheumatische
Krankheiten dar.
Ic. Die Arthritis nach
einer Darm- oder Harnwegsinfektion
Nach Darm- oder Harnwegsinfektionen treten bei manchen
Personen, die einen
erblichen Faktor (HLA-B27) aufweisen, eine Gelenkentzündung teils mit
Wirbelsäulenbeteiligung auf, die in der Regel ohne Gelenkzerstörung nach
Wochen bis
Monaten wieder abheilt. Medizinisch nennt man diese Erkrankung
"postinfektiöse
reaktive Arthritis" bzw. bei Wirbelsäulenbeteiligung
"Spondarthritis".
Id. Die Gicht
Eine völlig andere und ebenfalls häufige entzündliche
Gelenkerkrankung ist
die Gicht. Es werden viele rheumatische Gelenkerkrankungen fälschlich als
Gicht
bezeichnet, nur weil sie auch mit Gelenkfehlstellungen und Knoten in
Gelenknähe
einhergehen, so z. B. der chronische Gelenkrheumatismus oder eine Arthrose
der
Fingerendgelenke. Die Ursache einer Gicht ist eine krankhaft vermehrte
Harnsäure im Blut.
Die Harnsäure ist in erster Linie das Endprodukt des chemischen Abbaues
der Zellkerne,
also des Fleisches, sie kann aber auch im Körper selbst gebildet werden.
Sie heißt
"Harnsäure", weil sie normalerweise neben vielen anderen
Abbaustoffen in
genügender Menge mit dem Harn ausgeschieden wird. Eine fleischfreie Diät
allein, die im
übrigen erfahrungsgemäß ein Leben lang doch nicht eingehalten wird, vermag
die erhöhte
Harnsäure oft nicht zu vermindern. Die Ursache ist eine krankhafte Störung
der Bildung
und der Ausscheidung der Harnsäure, die sich durch keine Maßnahme
ausreichend beheben
läßt.
In einem größeren Teil der Fälle mit erhöhter Blutharnsäure fällt diese in
Kristallform, u. a. in den Gelenken, aus, wirkt dort als Fremdkörper und
ruft so eine
Gelenkentzündung, den Gichtanfall, hervor. Eine langdauernde Gicht mit
wiederholten
Anfällen kann auch zu einer Gelenkzerstörung führen.
Die Behandlung allein des Anfalls geschieht mit bestimmten Medikamenten:
spezifisch mit
Colchicin und ferner mit bekannten antirheumatischen Mitteln. Die
dauerhafte Verhütung
der Gelenkanfälle geschieht mit Medikamenten, die entweder eine vermehrte
Harnsäureausscheidung durch die Niere erzwingen oder die vermehrte
Harnsäurebildung
verhindern. Diese Mittel müssen aber zeitlebens genommen werden, sonst
kommt die
Erkrankung unweigerlich wieder. Eine Bewegungsbehandlung oder eine
Badebehandlung nutzt
hier nichts.
Da die Ausscheidung der Harnsäure durch die Nieren erfolgt, kann es auch
dort zur
Ablagerung und zu Nierensteinen kommen, deshalb leiden auch zahlreiche
Gelenkgichtkranke
an Nierensteinen. Ihr Arzt wird deshalb u. U. auch ein Mittel verordnen,
mit dem der Urin
in einen chemischen Zustand gebracht wird, in dem sich Harnsäuresteine
nicht bilden
können.
II. Entzündliche
Wirbelsäulenerkrankungen Auch bei den Erkrankungen der Wirbelsäule gibt es
entzündliche und
nichtentzündliche, wobei hier ebenfalls nur die häufigeren ausführlich
besprochen
werden sollen. Krankheitserreger gelangen, wie beispielsweise bei der
Tuberkulose oder
beim Typhus, direkt an die Wirbelsäule und können dort einen zerstörenden
Einfluß
ausüben.
IIa. Die Bechterew'sche
Erkrankung
Es gibt aber auch, ähnlich, aber doch nicht vergleichbar, wie
beim
chronischen Gelenkrheumatismus, eine entzündliche Erkrankung der ganzen
Wirbelsäule, die
ihre Ursache im Körper selbst hat, und bei der wir die eigentliche
auslösende Ursache
nicht kennen. Nur wissen wir bei dieser Wirbelsäulenerkrankung, die wir
Bechterew'sche
Krankheit (oder ärztlich Spondylitis ankylosans oder Spondylitis
ankylopoetica) nennen,
daß, mit wenigen Ausnahmen, das sogenannte ererbte HLA-B27 (wie bei der
reaktiven
Arthritis) die Voraussetzung für den Ausbruch der Erkrankung ist. Es kommt
bei der
Bechterew'schen Erkrankung zur Entzündung der Gelenke, die die Wirbel
miteinander und die
Wirbel mit den Rippen verbinden, und vor allem auch zu einer Beteiligung
der Bandscheiben,
die zwischen den Wirbelkörpern liegen. Auch die Verbindung zwischen Kreuz-
und Darmbein
ist von der Krankheit frühzeitig betroffen und führt zu den typischen und
nächtlich-frühmorgendlichen tiefsitzenden Kreuzschmerzen. Auch Hüft- und
Schultergelenke sind öfter beteiligt. Der Endzustand ist auch hier eine
Verknöcherung
und damit Versteifung der nach vorn sich beugenden Wirbelsäule. Dazu
kommen noch
Knochenspangen, die die Wirbel miteinander verklammern. Auch die
Wirbel-Rippengelenke sind
beteiligt mit der Folge der Atembehinderung durch die aufgehobene
Brustatmung. Mit
antirheumatischen Mitteln werden die Schmerzen direkt an der Wirbelsäule
gebessert.
Mindestens genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger als beim chronischen
Gelenkrheumatismus, ist die Bewegungsbehandlung zur Verhinderung der
Verkrümmung und
Versteifung.
III.
Nichtentzündliche
Gelenkerkrankungen
IIIa. Die Gelenkarthrose
Nun zu den Arthrosen der Gelenke, die durch Abnutzung und
Überlastung des
Gelenkknorpels entstehen. Es kommt hier zu zunehmendem Verschleiß des
Knorpels und
schließlich zur Schädigung des Knochens, der darüber hinaus mit
Knochenanlagerungen
reagiert, die ihrerseits die Gelenkbeweglichkeit beeinträchtigen.
Entzündliche Vorgange
gibt es hier höchstens als Begleiterscheinung infolge Reizung durch
abgeriebenen Knorpel
und Knochen. Warum kommt es nun aber zu diesem Knorpelverschleiß? Die
natürliche
Alterung des Knorpels führt zu einer Verminderung seiner Elastizität und
damit seiner
stoßdämpfenden Eigenschaften. Damit wird aber auch die Durchsaftung und
Ernährung des
Knorpels schwieriger. Diese Tatsache allein führt jedoch meist noch nicht
zu einer
Arthrose. Meist wird es so sein, daß ein Knorpel, der sonst einer normalen
Belastung noch
standgehalten hatte, durch Mehrbelastung geschädigt wird. Diese
Mehrbelastung kann den
gesamten Knorpel eines oder mehrerer Gelenke betreffen oder auch durch
besonders
gerichtete Belastung an einem Teil des Knorpels zur anfänglichen
Schädigung führen, die
sich dann jedoch auf den ganzen Knorpel ausbreitet.
Ursachen für solche Überlastungen und Fehlbelastungen sind beispielsweise
berufliche
Überlastungen (z. B. eines Beines), Mehrbelastung eines Beines infolge
Verkürzung des
anderen oder durch Schonung des anderen (z. B. nach Unfall) oder nach
Amputation des
anderen Beines, nach angeborenen Schiefhaltungen, nach schlecht verheilten
Knochenbrüchen, Störungen im Aufbau des Gelenkes selbst usw. Aber auch ein
Übergewicht
stellt eine zusätzliche Überbelastung für einen für normales Gewicht
gebauten
Gelenkknorpel dar.
Nun kommt aber bei der Arthrose noch einiges dazu. Durch den Schmerz, der
erst im
fortgeschrittenen Stadium der Gelenkreizung auftritt, verspannen sich die
Muskeln, die
für die Gelenkbewegung verantwortlich sind, wodurch ein zusätzlicher Druck
auf den
Gelenkknorpel ausgeübt wird. Schließlich kommt es zu einer Deformierung,
die keine
normalen Bewegungsabläufe mehr erlaubt.
Ein einmal geschädigter Knorpel kann nicht wieder, wie beispielsweise die
Haut,
nachwachsen. Auch mit Hilfe eines Medikamentes kann er das nicht. Durch
bestimmte Spritzen
kann man, wenn man sie früh anwendet, versuchen, eine bessere Stabilität
des
verbliebenen Knorpels zu erreichen. Durch weitere Mittel und besondere
Anwendungen
bekämpft man den Schmerz und die Muskelverspannung, den erhöhten Druck auf
den Knorpel
sowie die evtl. begleitende Entzündung. Schließlich gibt es Operationen
des Knorpels;
eine übermäßige Belastung ist für den Knorpel jedoch schädlich. Deshalb ist
"Bewegung unter Entlastung" für die Arthrose die geeignete
Maßnahme.
Die Arthrose ist wegen der speziellen Belastungsverhältnisse weitaus am
häufigsten in
den Knie- und Hüftgelenken. Eine besondere Form ist die
Fingergelenksarthrose mit Knoten
über den Fingerendgelenken, die vom Unwissenden häufig mit einer Gicht
verwechselt
werden.
IV. Nichtentzündliche Wirbelsäulenerkrankungen
IVa. Degenerative und durch Fehlhaltung bedingte Wirbelsäulenleiden
Auch an der Wirbelsäule kennen wir "Verschleißerscheinungen" wie bei den Gelenken, nur wirken sich diese an der Wirbelsäule natürlich
anders aus. Es können die Zwischenwirbelgelenke "arthrotisch" erkranken, im
Vordergrund steht
jedoch der Bandscheibenschaden mit seinen vielfältigen Folgeerscheinungen.
Die Bandscheibe, die zusammen mit den benachbarten Wirbeln so etwas Ähnliches
wie ein Gelenk
bildet, ist auch aus Knorpel, büßt an Elastizität ein und kann schließlich,
unterstützt durch Überlastung und Fehlbelastung, zerstört werden.
Ähnlich wie bei den Gelenken reagieren die Wirbelknochen dabei gern mit
knöchernen
Auswüchsen, die die Wirbel auch überbrücken können. Die Zerstörung der
Bandscheibe
kann aber auch, unterstützt durch ungünstige Bewegungen, zu einem
schmerzhaften
"Herausgleiten" des Bandscheibenkernes führen. Dieser kann auf
die Nerven
drücken, die an dieser Stelle die Wirbelsäule verlassen. Es gibt Nerven,
die für die
Schmerzempfindung, solche, die für die Bewegung des Körpers und solche,
die für die
Ernährung, Durchblutung usw. der Gliedmaßen verantwortlich sind. Und je
nachdem, welche
Nerven hier getroffen werden, kann es zu Schmerzausstrahlungen, Lähmungen
oder, besonders
im Bereich der Hände, zu Schwellungen usw. kommen. Alle Nerven, die den
menschlichen
Körper versorgen, kommen aus dem Gehirn oder aus dem Rückenmark und
verlassen dieses
durch Löcher zwischen zwei Wirbeln. Daher kann es auch fern von der
Wirbelsäule zu
Ausstrahlungsbeschwerden kommen, je nachdem, welche Fasern der Nerven
geschädigt wurden.
Ein Nerv besteht ja aus vielen Fasern - so wie ein Kabel aus vielen
Strängen besteht -
von denen jede einen bestimmten Bezirk versorgt. Eine Reizung der das Bein
versorgenden
Nerven nennt man "Ischias". Bei diesen Ereignissen spielen auch
wieder
Muskelverspannungen, teils als Reaktion auf den Schmerz, eine große
Rolle.
Nun kann es aber vor allem schon bei jüngeren Menschen, auch zu teilweise
sogar
ausstrahlenden Wirbelsäulenbeschwerden kommen, ohne daß wir von
Abnutzungserscheinungen
überhaupt sprechen können. Hier genügen oft schon Fehlhaltungen und
Muskelspannungen,
um erhebliche Schmerzen auszulösen.
Die Muskelverspannungen selbst können schon Schmerzen machen, sie
verstärken aber auch
die Fehlhaltung der Wirbelsäule und den Druck eines Wirbels auf den
anderen. Es können
hierdurch auch direkt oder indirekt Druckerscheinungen auf die Nerven
ausgeübt werden.
Unser tägliches Leben bietet Ursachen für Fehlhaltungen genug, wobei das
Gefährlichste
die angespannte Haltung der Wirbelsäule über längere Zeit ist. Die
Ursachen liegen in
den nur scheinbar bequemen aber oft nicht gesunden, weil nicht der
Wirbelsäule
angepaßten Betten und Stilmöbeln, in beruflich bedingten Haltungen der
Wirbelsäule (am
Fließband, beim Schreibmaschinenschreiben, Arbeiten in ständig gebückter
Haltung usw.)
und mangelnder lockernder Bewegung (am Schreibtisch, im Auto usw.), an den
Gegebenheiten
in der Schule und zu Hause (ungeeignete Stuhl- und Tischhöhen) und in
vielem mehr.
Die Behandlung zielt hier auf die Beseitigung der Ursache sofern möglich,
auf die
Lockerung der die Wirbelsäule begleitenden Muskulatur, auf Entlastung und
ausreichende
Bewegung der Wirbelsäule und auf die Schmerzbekämpfung ab. Auch hier ist
eine einmal
eingetretene Zerstörung der Bandscheibe und eine eventuelle Verknöcherung
der Wirbel
miteinander natürlich nicht mehr zu beseitigen. Dennoch kann man
wenigstens gegen das
Fortschreiten doch noch einiges tun.
V. Die Konnektivitiden
"Konnektivitiden" heißt
"entzündliche
Bindegewebserkrankungen". Gebräuchlicher ist die Bezeichnung
"
Kollagenosen",
was aber nicht ganz zutreffend ist, da es sich nicht um Erkrankungen
speziell des
Kollagens handelt. Genau genommen gehört auch die chronische Polyarthritis
dazu; sie wird
aber im allgemeinen als eigenständige Erkrankung aufgeführt. Jedenfalls
sind alle
Konnektivitiden Autoimmunerkrankungen, also Erkrankungen des Immunsystems.
Sie sind meist
schwer verlaufende Erkrankungen, die auch die Lebenszeit verkürzen können
und besondere
therapeutische Aufmerksamkeit erfordern.
Meist müssen sie deshalb auch gezielt mit sogenannten Immunsupressiva und
auch mit
Cortisonpräparaten behandelt werden, damit man sie beherrscht. Eine
gewisse Ausnahme
macht hier die Sklerodermie, allerdings muß gesagt werden, daß hier alle
Behandlungsversuche problematisch sind.
Va. Lupus erythematodes
Der sogenannte Lupus-erythematodes (L.e.) ist eine oft
schwere, bedrohlich
verlaufende Erkrankung, die nicht nur die Gelenke betreffen kann, sondern
viele Organe in
Mitleidenschaft zieht. Betroffen sind in unterschiedlicher Häufigkeit die
Haut, die
Nieren, das Herz, das Blut, die Gefäße und teilweise auch das Nervensystem.
Charakteristisch sind Fieberschübe. Vielfältig sind demnach auch die
Symptome der
Erkrankung als Auswirkung der Organbeteiligung.
Vb. Sklerodermie
Die Sklerodermie, fachlich als "progressive systemische
Sklerose"
bezeichnet, ist eine Erkrankung, die zu einer Verhärtung der Haut und
teils auch der
Schleimhäute des Mundes und der Speiseröhre führt. Beteiligt können in
Form von
krankhafter Vermehrung und Verhärtung des Bindegewebes auch innere Organe
(Lunge, Herz,
Nieren, Gefäße) sein. Typisch ist ein begleitendes Raynaud-Syndrom
(zeitweises
"Absterben" der Finger). Die Gelenke sind weniger betroffen,
wenn sie auch auf
Grund der Verhärtung der Haut an Beweglichkeit verlieren.
Es gibt zwei Formen der Sklerodermie: eine, die sich auf Hände, Mund,
Unterarme, Füße,
Unterschenkel und Gesicht beschränkt, und eine, die den ganzen Körper
befällt.
Vc. Polymyositis / Dermatomyositis
Diese seltene, chronisch-entzündliche Erkrankung der
Muskulatur mit
(Dermatomyositis) und ohne (Polymyositis) Hautbeteiligung (vor allem im
Gesicht, an den
Händen und sonstigen sonnenexponierten Stellen) äußert sich durch
zunehmende
Muskelschwäche mit Schmerzen und Muskelschwund besonders an den
Schultern/Oberarmen und
Oberschenkeln. Bei älteren Patienten wird oft ein bösartiger Tumor
gefunden.
Eine Gelenkbeteiligung ist relativ häufig, auch hier gibt es ein
Raynaud-Syndrom,
allerdings seltener als bei Sklerodermie.
Vd. Panateriitis
(nodosa)
Diese seltene Bindegewebserkrankung betrifft hauptsächlich
mittlere,
manchmal auch kleine Arterien der verschiedensten Lokalisationen und
äußert sich in
Erscheinungen, die diese Lokalisation betreffen: Nierenarterie
(Hochdruck), Darmarterien
(Bauchschmerzen), nervenversorgende Arterien (Nervenentzündung),
Herz-Kranz-Gefäße
(Angina pectoris). Muskel- und Gelenkschmerzen begleiten oft die
Erkrankung.
Ve. Wegener'sche
Granulomatose
Diese seltene, sehr unterschiedlich verlaufende Erkrankung
ist eine
ursächlich noch nicht geklärte, von den Blutgefäßen ausgehende Erkrankung
mit Bildung
von Granulomen (entzündliche Gewebswucherungen) mit möglicher Beteiligung
zahlreicher
Organe (in der Reihenfolge der Häufigkeit: Lunge, Niere, Gelenke, Nase,
Rachen, Kehlkopf,
Luftröhre, Bronchien, Augen, Haut, Ohren; Fieber) mit entsprechenden
klinischen
Erscheinungen.
VI.
Mischkonnektivitiden
Wie der Name sagt, handelt es sich hierbei um
Überschneidungen der
Symptome verschiedener Konnektivitiden; so weist diese Erkrankung, die man
auch
"Sharp-Syndrom" nennt, Zeichen des L.e., der systemischen
Sklerose, der
Polymyositis und der chronischen Polyarthritis auf.
VIa.
Sjögren-Syndrom
Das Sjögren-Syndrom ist eine Kombination von Entzündung der
Tränendrüsen
mit Versiegen der Tränenflüssigkeit und Entzündung der Speicheldrüsen mit
Mundtrockenheit und auch Beteiligung anderer Drüsen. Diese Erkrankung ist
oft
Begleitungssymptom anderer Konnektivitiden.
VIb. Polymyalgia
arteriitica (rheumatica)
Diese entzündliche Erkrankung wird meist nicht zu den
Konnektivitiden
gerechnet, obwohl die Ursache, eine entzündliche Arterienerkrankung
(deshalb besser
"arteriitica" als "rheumatica"), eine Beziehung zu den
Konnektivitiden
hat. Die Muskulatur (Schmerzen und Schwäche der Schulter-, Oberarm-,
Becken- und
Oberschenkel-Muskulatur, vor allem morgens und in der ersten Tageshälfte)
selbst, läßt
keine entzündlichen Erscheinungen erkennen.
Die Erkrankung ist oft durch Depressionen kompliziert. Die Gefäßerkrankung
kann sich in
einer Beteiligung der Hirnarterien (Kopfschmerzen, Sehstörungen) und
gelegentlich der
Herzarterien (Angina pectoris) äußern. In jedem Falle ist die Gabe von
Cortison meist
entscheidend und unumgänglich. Oft heilt die Erkrankung nach
entsprechender Behandlung in
zwei bis drei Jahren aus.
VII. Auswirkungen
der rheumatischen
Erkrankungen hinsichtlich Arbeitsfähigkeit und
Selbstversorgung
Je nach der vorliegenden rheumatischen Erkrankung und deren
Schwere hat sie
eventuell entscheidenden Einfluß auf die Arbeitsfähigkeit, auf die
Möglichkeit der
häuslichen Selbstversorgung, usw. Die sogenannten entzündlichen
Gelenkerkrankungen sind
die häufigsten Ursachen der Frühberentung, der man sicher bei konsequenter
und gezielter
Behandlung wirksam begegnen kann, wozu jedoch auch die Mitarbeit der
Patienten dringend
notwendig ist. Man hat, abgesehen von schweren Erkrankungsformen,
besonders der
Konnektivitiden, wegen der rheumatischen Krankheiten keine verkürzte
Lebenserwartung.
Das Ziel einer Rheumabehandlung wird deshalb sein, die Leistungsfähigkeit
des
Rheumatikers so lange wie möglich zu erhalten. Dazu bedarf es aber auch
des Willens und
der Einsicht des Patienten, daß ein Leben als nützliches Glied der
Gesellschaft
letztlich immer erstrebenswerter und befriedigender sein wird, als die
vorzeitige
Berentung mit allen ihren angenehmen, aber auch unangenehmen Begleit- und
Folgeerscheinungen. Neben den Erfolgen der ärztlichen Behandlung mit dem
Ziel, die
Krankheitsentwicklung so gut wie möglich aufzuhalten, gibt es noch viele
Möglichkeiten,
die Leistungsfähigkeit, also die Arbeitsfähigkeit im Beruf und die
Fähigkeit zur
Ausübung der Hausarbeit und zur Selbstversorgung zu Hause zu erhalten:
Wechsel der Tätigkeit im gleichen Betrieb oder Wechsel der Arbeitsstelle
(evtl. mit
Umschulung), Anpassung des Arbeitsplatzes und z. B. der Arbeitswerkzeuge
an die noch
vorhandene Funktionsfähigkeit, Erlernung von Tätigkeiten als Ersatz für
sonst nicht
mehr zu erbringende Leistungen, Transport zur und von der Arbeitsstelle,
Hilfsgeräte
(sogenannte "Arbeitshilfen" oder "Funktionshilfen")
zur Ausübung von
Tätigkeiten, die beispielsweise mit den Händen allein nicht ausgeführt
werden können.
Dazu gehört aber auch nicht nur die Mitarbeit der Patienten, sondern auch
die Einsicht
des Arbeitgebers, die Mitwirkung der Kranken- und Rentenversicherungen, der
Gesundheitsbehörden usw.
Es gibt rheumatische Krankheiten, die wieder völlig und endgültig
ausheilen können. Bei
den meisten handelt es sich jedoch um chronische, also andauernde und
somit nicht heilbare
Krankheiten. Bei diesen können wir aber - natürlich mit Ausnahmen -
Entscheidendes
dafür tun, daß die Krankheit nicht oder zumindest wesentlich langsamer
fortschreitet.
Verfasser:
|
Prof. Dr. med. Hartwig Mathies 93074 Bad Abbach |
Herausgeber: |
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Deutsche Rheuma-Liga
Bundesverband e.V.
Rheinallee 69
53173 Bonn
Auflage 1994, 30.000 Exemplare |
Gefördert durch die Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung im
Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit
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