Kältetherapie bei rheumatischen Erkrankungen

Möglichkeiten und Grenzen

Kältetherapie, sei es in Form von Eispackungen, sei es in Form von Kaltluft in Kältekammern, ist eine weit verbreitete unterstützende Therapieform bei rheumatischen, insbesondere bei entzündlichen rheumatischen Erkrankungen. Die Ursprünge der Kältetherapie, ihre Wirkungsweise, die Technik der Kältekammern aber auch die Grenzen dieser Therapieform werden in diesem Merkblatt dargestellt.

Die Ursprünge der Kältetherapie

Vor 100 Jahren wurde der Eisbeutel in Deutschland zur Therapie eingesetzt. Seit mehr als 30 Jahren behandelt Professor Reinhard Fricke Rheuma mit Eisbeuteln und nachfolgender Bewegungstherapie. In den 70er Jahren entwickelte der Japaner Dr. Yamauchi ein erweitertes Konzept der Stickstoff-Kaltlufttherapie und gab damit der westlichen Medizin einen bedeutenden Anstoß, die eigenen Therapiestrategien zu überdenken und zu ergänzen. Yamauchi setzte sich damals mit Patienten auseinander, die an entzündlich rheumatischen Erkrankungen, insbesondere der rheumatoiden Arthritis, litten und trotz einer modernen Pharmakotherapie keine Hilfe erfahren konnten. Durch eine besonders konsequente Kältetherapie, zunächst durch Eiswasser, später durch Stickstoff-Kaltluft, in Verbindung mit einer mehrmals täglichen intensiven Bewegungstherapie, gelang es in beeindruckender Weise, die vorher mehr oder weniger immobilen Patienten trotz Auslassen ihrer Medikamente unter dem Einfluß von Kälte und Bewegung in ihrem Entzündungszustand wesentlich zu bessern und vor allen Dingen die Beweglichkeit zu erhöhen.

Diese Therapie wurde erstmalig von Prof. Reinhard Fricke in Deutschland in der Klinik Sendenhorst eingeführt und im Laufe der Jahre weiter kombiniert mit anderen physikalischen Therapien, speziellen krankengymnastischen Techniken, Elektrotherapie etc. Dabei gelang es, wissenschaftlich untermauert, beeindruckende Besserungen der Entzündungsaktivität des Organismus herbeizuführen.

Kältebeutel und Kaltluftkammern

So wird Kältetherapie heute eingesetzt

Kältetherapie ist lokal anwendbar für einzelne Gelenke und Körperteile. Sie wird jedoch auch als Ganzkörpertherapie angewandt. Die Behandlung einzelner Körperpartien erfolgt durch Kältebeutel, mit ca. -10°C. Bei der Behandlung mit Kältebeuteln muß darauf geachtet werden, daß die Kälte trocken mit einem Leinentuch auf der Haut angeboten wird, um Schädigungen der Hautoberfläche zu vermeiden.

 

Tips für zu Hause

Kältebeutel (aus Kryogel) gibt es in der Apotheke zu kaufen. Je nach Fabrikat können sie im Kühlschrank und/oder sogar im Gefrierfach gekühlt werden, ohne daß sie ihre weiche Konsistenz verlieren. Diese Beutel können mehrmals täglich im Abstand von 3 Stunden auf die erkrankten Gelenke gelegt werden. Die Auflagezeit richtet sich nach der Größe der Gelenke. So sollten Hand- und Fingergelenke höchstens 5 Minuten, Knie- und Hüftgelenke nicht länger als 15 bis 20 Minuten gekühlt werden. Die Kältetherapie ist sofort zu beenden, wenn statt des Kältegefühls ein Kälteschmerz auftritt. Kältebeutel müssen immer mit einem dünnen Handtuch umhüllt werden, um die Kondensationsfeuchtigkeit soweit wie möglich von der Haut abzuhalten.Aufgrund einer verbesserten Technik und vielfacher Erfahrungen ist es heutzutage möglich, eine effiziente Kaltlufttherapie in Kältegraden von -60°C bis - 110°C in Kältekammern bzw. bis -30°C (lokale Kaltlufttherapie s. Tabelle) durchzuführen. Entscheidend sind für die Kühlung der Hautoberfläche die Einwirkungszeit der Kälte und die Windgeschwindigkeit (Flow), mit der die Kaltluft über die Haut streicht. Angestrebt wird die Abkühlung der Haut von ca. 35°C auf ca. +10°C mit einem langzeitigen Regulationseffekt für den gesamten Organismus.

So funktioniert eine Kältekammer

Moderne Kältekammern arbeiten nach dem "Kühlschrankprinzip". Das System besteht aus einem Vorraum, in dem die Luft physikalisch getrocknet wird, damit sich im Hauptraum nicht soviel Nebel bildet. Die Lufttemperatur im Hauptraum betragt - 120° Grad – also kaum vorstellbare Kälte, die jedoch gut verträglich ist. Bis zu vier Patienten können sich gleichzeitig in der Kammer aufhalten. Sie bewegen sich dort in Badekleidung, durch Handschuhe, Strümpfe und Mundschutz geschützt und halten sich ungefähr 1 bis 1½ Minuten auf. Dabei haben sie Sprech- und Sichtkontakt zum Therapeuten außerhalb der Kammer. Der Raum ist hell und freundlich, so daß man sich darin wohl fühlen kann.

So wirkt Kältetherapie

Wer erstmalig eine Kältetherapie erlebt, wird überrascht sein von der positiven Wirkung: die extreme Kälte wirkt schmerzdämpfend - oft über mehrere Stunden. Daher wird unmittelbar anschließend an den Aufenthalt in der Kältekammer Bewegungstherapie durchgeführt, die sonst wahrend eines Schubes nur unter starken Schmerzen möglich wäre. Unter den Trainingseffekten der Bewegungstherapie kommt es zu einer verbesserten biochemischen Regulation in den Stützgeweben mit dem Abtransport unphysiologischer Stoffwechselprodukte und der Besserung des Entzündungsgeschehens. Die Folge davon sind ein verbessertes Muskeltraining, ein umfangreicheres Gelenkspiel und ein gesteigertes Gefühl für die eigene Lebensqualität mit dem Effekt, die durchaus mühseligen und zeitraubenden Übungsteile konsequent fortzusetzen. Darüber hinaus wirkt Kältetherapie abschwellend und entzündungshemmend, zunächst lokal, im Bereich der erkrankten Gelenke, später im Bereich des gesamten Körpers.
Die direkte Einwirkung der Kälte durch Abkühlung bewirkt nach Forschungen von Professor Fricke sowohl auf der Oberfläche der Haut kurzfristig und blockiert die Schmerzbahnen, in der Tiefe hemmt die Kälte Entzündung und Gelenkzerstörung.

Lokale kältetherapeutische Verfahren

 

Me-
thoden

Kalt-
was-
ser

Eis-
hand-
tuch

Eis-
abrei-
bung

Eis-
beutel

Eis-
wasser

Kälte-
pack-
ungen

Gas-
förmiger Stickstoff

Kalt-
luft

Methode
1

Methode 2

Tem-
peratur

+15°
bis 20°C

± 0°C
bis 4°C

± 0°C
bis 4°C

± 0°C

± 0°C

ca. -15°C
bis +35°C

ca. -160°C
bis -180°C

+15°
bis 20°C

An-
wendungs-
dauer

3-5 min

3-4 min

3-4 min

½-1 h

ca. 1-3 min

ca. ½ h

½-1 min
      

2-3 min

2-3 min

Wo werden Kältekammern genutzt?

Zahlreiche Fachkliniken und Rehaeinrichtungen bieten mittlerweile Kältetherapie in Kältekammern an: St. Josef Hospital Bonn, Rehaklinik Bad Colberg, Etzelbach-Weissenburg in Weißen, Fachklinik Teufelsbad in Blankenburg, Rehazentrum Gyhum, Rheumaklinik Sonnengarten, Bad Nenndorf, Bad Harzburg, Bad Meinberg, Weserland Klinik, Bad Seebruch, Bad Kreuznach, Waldeck Klinik Bad Dürrheim, Bad Säckingen, Bad Bergzabern. (Anm. der Redaktion: Diese Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bezieht sich auf das Jahr 1996)

 In welchen Fällen hilft die Kältetherapie?

1. Die Kältetherapie, vor allen Dingen mit Kaltluft, ist eine ausgezeichnete physikalische Basistherapie zur Unterdrückung von Entzündung. Gleichzeitig werden körpereigene Regulationskräfte verbessert.
2. Die Kälte- und Bewegungstherapie ist in sehr vielen Fällen, vor allen Dingen bei den Frühformen der rheumatoiden Arthritis, in der Lage, die drohenden Spätschäden an den Gelenken und Weichteilgeweben zu breen und den Pharmakabedarf einzugrenzen bzw. teilweise zu vermeiden. Bei dieser Therapie bleibt Zeit, neben einer ausgefeilten rheumatologischen Diagnostik physikalische Diagnoseverfahren aus der Naturheilkunde hinzuzuziehen, um die Ursachen eingehender zu erforschen und nach Möglichkeit abzustellen.
3. Die Kälte- und Bewegungstherapie hat sich besonders bewährt bei der Behandlung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, daß mit dieser Behandlungsform auch die degenerativ-rheumatischen Erkrankungen ausgezeichnet erreicht werden können, zum Beispiel bei der Behandlung aktivierter Arthrosen. Dadurch ist es häufig möglich, Pharmaka einzusparen und die Indikationen für einen Gelenkersatz weiter einzugrenzen.
4. Die Ganzkörper-Kältetherapie eröffnet nach den bisherigen Erfahrungen den Zugang zu verschiedenen bisher schwer behandelbaren weichteilrheumatischen Erkrankungen, wie zum Beispiel die Fibromyalgie. Inwieweit die Kältetherapie auch bei neurologischen Schmerzformen sinnvoll eingesetzt werden kann, bedarf noch weiterer Forschungen.

Wo liegen die Grenzen der Kältetherapie?

Die Grenze aller physikalischen Therapien liegt in der Ansprechbarkeit und der Reaktionsfähigkeit des erkrankten Organismus auf diese Therapien. Selbstverständlich sind entsprechend unserem medizinischen Wissen in akuten Situationen, wie auch bei zu erheblichen Erschöpfungszuständen Pharmakotherapien und besonders substituierende Therapien den physikalischen Therapien vorzuziehen. Erkrankungen wie Angina pectoris-Beschwerden, Bluthochdruck, Asthma bronchiale oder arterielle Durchblutungsstörungen verbieten den Einsatz von Kältetherapie.

Autor:

Dr. med. E. Herrmann
32805 Horn-Bad Meinberg
Silvaticum Klinik

Fachliche Beratung:   

Prof. Reinhard Fricke

Weserland Klinik

Herausgeber:    

 

Deutsche Rheuma-Liga
Bundesverband e.V.
Maximilianstr. 14
53111 Bonn
Überarbeitete Auflage 1996
20.000 Exemplare
Drucknummer: MB 3.5/BV/12/96    

Gefördert durch die
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
im Auftrag des
Bundesministeriu für Gesundheit

 

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